Sufigeschichte:






Jemand fragte:„Was ist des Liebenden Zustand?“

Und ich sagte:„Frag’nicht nach solch einem Ding!

Wenn du wie ich wirst, wirst du gewisslich es sehen;
wenn sie dich rufen, dann wirst du rufen-auch Du!"


Die Feder eilt im schreiben, kaum zu halten -
sie kam zur Liebe und musst’ gleich zerspalten.

Verstand : ein Esel, im Morast geblieben -
Erklärung gibt für Liebe nur das Lieben,

Rumi, Annemarie Schimmel Seite:102


In meinem Herzen kreisen

alle Gedanken um Dich,

Anderes nicht spricht die Zunge
als meine Liebe zu Dir.

Wenn ich nach Osten mich wende,
strahlst Du im Osten mich wende;

Wenn ich nach Westen mich wende,
stehst vor den augen du mir.

Wenn ich nach oben mich wende,
bist Du noch höher als dies;

Wenn ich nach Unten mich wende,
bist Du das Überall hier.

Du bist, der allem den Ort gibt,
aber Du bist nicht sein Ort;

Du bist in allem das Ganze,
doch nicht vergänglich wie wir.

Du bist mein Herz, mein Gewissen,
bist mein Gedanke, mein Geist,

Du bist der Rhythmus des Atmens;
Du bist der Herzknoten mir.

Al Halladsch- O Leute, rettet mich vor Gott, Annemarie Schimmel Seite:121


Du bist ein Kind Gottes. Dich herunter zu spielen ist der Welt nicht dienlich. Scheu bringt keine Erleuchtung, so dass sich andere Leute in deiner Umgebung unsicher fühlen. Wir wurden geboren, um Gottes Ruhm zu offenbaren, der in uns wohnt. Nicht nur in einigen von uns: in jedem. Und während wir unser eigenes Licht leuchten lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer Angst befreit sind, wird unser Auftreten andere automatisch befreien.

Nelson Mandela, Präsident Südafrikas, in seiner Antrittsrede


Wenn du die Menschen beurteilst, hast du keine Zeit, sie zu lieben.

Mutter Teresa, Ordensgründerin


Unser Gott wohnt in uns. Und der einzige Weg, eins mit jenem Gott zu werden, besteht darin, dass wir eins mit unserem wahren Selbst werden.

Maurice Blondel, Philosoph


Die Fledermaus verlangt nach Sonne nicht,
sie schilt das goldne, ärgerliche Licht.
Schilt auch der Fledermäuse ganzer Chor –
die Sonne bleibt doch herrlich wie zuvor.

Saadi, persischer Dichter [13. Jh.]


Husain ibn Mansur Al-Halladsch

geb. 858 Al-Baida [Iran], gest. 922 Bagdad [Iran]

Al-Halladsch war ein eigenwilliger und unabhängiger Geist, der in mehrfacher Hinsicht gegen die zu seiner Zeit gängigen Ansichten und Verhaltensnormen verstieß. Durch exzentrisches Benehmen und angreifbare Äußerungen machte er sich bei den politischen und religiösen Autoritäten verdächtig. Seine Worte zeigen, dass er über die eng gefassten Glaubensmeinungen der Orthodoxie weit hinausgelangt ist. Besonderen Anstoß erregte er mit der Preisgabe seiner mystischen Erfahrungen, die von Menschen ohne solche Erlebnisse missgedeutet werden konnten und missgedeutet werden mussten. Halladschs absolute Gottesliebe und seine Lehre von der liebenden Einigung des geschaffenen menschlichen und des ungeschaffenen göttlichen Geistes, die der Mensch in seltenen Augenblicken der Extase erfahren kann, erschien den Theologen und Gelehrten unerlaubt, ja unmöglich. Hinzu kamen Berichte über angebliche Wundertaten. 912 wurde Halladsch verhaftet und 922 trotz der Fürsprache hochgestellter Persönlichkeiten zum Tode verurteilt. Das Urteil nahm er ungerührt entgegen, auf dem Wege zur Richtstätte lachte er und tanzte in seinen Fesseln. Fariduddin 'Attar gibt die folgende Beschreibung von der Hinrichtung:

»Sie sahen viele Wunder, die er bewirkte. Geschwätz ging um, und seine Reden wurden dem Kalifen hinterbracht. Schließlich war man sich darüber einig, dass er sterben müsse.
Der Kalif ließ ihn ins Gefängnis werfen. Sie schlugen ihn dreihundert Mal mit Stöcken. Dann führten sie ihn hinaus zur Hinrichtung.
Als sie ihn zum Galgen gebracht hatten, küsste er das Holz und setzte seinen Fuß auf die Leiter.
"Wie fühlst du dich?" verspotteten sie ihn.
"Der Aufstieg wahrer Menschen führt zur Spitze des Galgens" antwortete er.
Er wandte sich gegen Mekka, erhob die Hände und betete.
Dann hieben sie ihm die Hände ab. Er lachte.
Sie hackten seine Füße ab. Er sagte lächelnd: "Mit diesen Füßen machte ich eine Reise auf Erden. Ich habe andere Füße, die jetzt durch beide Welten wandern. Wenn ihr könnt, hackt diese Füße ab!"
Dann rieb er mit seinen blutigen Armstümpfen über sein Gesicht, so dass Arme und Gesicht blutig wurden.
"Warum hast du das getan?" fragten sie ihn. "Ich habe viel Blut verloren und glaube, dass mein Gesicht blass geworden ist. Ihr denkt, meine Blässe kommt aus Angst. Ich habe Blut auf mein Gesicht gewischt, damit ich in euren Augen rote Backen habe."
Dann stach man ihm die Augen aus.
Dann wollte man seine Zunge abschneiden. "Wartet noch ein wenig, gebt mir noch Zeit für ein Wort" bat er dringend. "O Gott", schrie er gen Himmel, "verstoße sie nicht wegen der Leiden, die sie mir um Deinetwillen antun, noch entziehe ihnen die Glückseligkeit. Gelobt sei Gott, denn sie haben meine Füße abgehackt, als ich auf dem Wege zu Dir war. Und wenn sie mir den Kopf abschlagen, so haben sie mich doch auf die Höhe des Galgens gebracht, wo ich Deine Majestät betrachte."
Dann schnitten sie ihm Nase und Ohren ab.
Die letzten Worte, die Halladsch sprach, waren: "Die Liebe zu dem Einen führt zur Einswerdung mit Ihm".
Nach diesen Worten schnitten sie seine Zunge ab. Zur Zeit des Abendgebetes schnitten sie seinen Kopf ab. Er lächelte, als sie das taten.
So starb Halladsch.«

Annemarie Schimmel, O Leute, rettet mich vor Gott!, Herder


Husain ibn Mansur al-Halladsch ist zweifellos der berühmteste aller frühislamischen Mystiker. Sein Ausspruch ana' l-haqq, "Ich bin die absolute Wahrheit", oder, wie meist übersetzt, "Ich bin Gott", ist bis heute immer wieder kritisiert oder von Vertretern der Einheitsmystik zu ihrem Motto erhoben worden. Der in Süd-Iran geborene Halladsch lebte für eine Zeitlang bei dem Mystiker Sahl at-Tustari, ging aber dann nach Bagdad. Pilgerfahrten, die er mit übersteigerter Askese ausführte, und Reisen, die ihn bis Zentralasien und Indien führten, erregten seine Sufi-Kollegen ebenso wie die seltsamen Briefe, die er aus aller Welt erhielt. Seine Auffassung, daß gewisse religiöse Pflichten durch andere, "nützlichere" Taten ersetzt werden könnten, und seine auf völlige Verinnerlichung gerichtete leidenschaftliche Frömmigkeit machten ihn in den Augen der Frommen wie der Regierung suspekt, und 913 wurde er eingekerkert, am 26. März 922 grausam hingerichtet.
'Attar berichtet: Jemand fragte Halladsch: "Was ist Liebe?" Er antwortete: "Du wirst es heute und morgen und übermorgen sehen." Und an diesem Tage hackten sie ihm die Hände und Füße ab, am nächsten Tag hängten sie ihn, und am dritten Tage gaben sie seine Asche dem Wind.

Halladsch ist als der Märtyrer der mystischen Liebe in die Geschichte eingegangen, und sein Schicksal - interpretiert als das eines liebenden Freiheitshelden, der vom Establishment getötet wird - ist noch immer ein Modell für solche, die für ihre Ideale alle Quallen auf sich nehmen und Erfüllung im Opfertod finden.

Halladschs Gestalt, die in mannigfachen Aspekten in der islamischen Mystik erscheint, ist in jahrzehntelanger Arbeit von Louis Massignon in den rechten Rahmen gestellt worden; dank seiner Studien erscheint der Märtyrer-Mystiker nicht mehr als "Pantheist, der in unglaublicher Kühnheit den Schleier vom Pantheismus aufhob", wie Tholuck 1821 schrieb. Er hat an der Transzendenz Gottes festgehalten, doch erfahren, daß der ungeschaffene göttliche Geist in Momenten der Ekstase sich dem geschaffenen menschlichen Geiste vereinen kann und dann durch ihn spricht. Er hinterließ zarte Gedichte, Fragmente eines Korankommentars, Riwayat, Berichte, die durch himmlische Autoritäten gestützt werden, und das im Kerker verfaßte Kitab at-tawasin.

Aus: Annemarie Schimmel Gärten der Erkenntnis. Das Buch der vierzig Sufi-Meister. Eugen Diederichs Verlag 1985 (2. Auflage)


Ein Liebender sein heißt alle Sorgen hinter sich
lassen, und es gibt keine schlimmere Sorge als
die um dich selbst. Bist du mit dir beschäftigt,
dann bist du vom Geliebten getrennt. Der Weg
zum Geliebten besteht aus nur einem Schritt:
dem Schritt heraus aus dir.


Als er gefragt wurde,
was es heiße,
ein Liebender zu sein,
gab er zur Antwort:


Was immer du im Kopf
hast, vergiss es.
Was immer du
in der Hand hältst,
gib es her.
Was immer dein
Schicksal zu sein hat,
stelle dich ihm.

Abu-Sa'id-i Abu'l-Khair


Hunderte von Dingen magst du ausprobieren, doch Liebe allein wird dich von dir selbst erlösen. So fliehe nie vor der Liebe, nicht einmal vor der Liebe in irdischer Gestalt, denn sie ist Vorbereitung auf die höchste Wahrheit.

Alles, was nicht Eins ist, leidet
immer an dem Weh der Trennung,
und wer in die Stadt der Liebe
eintritt, findet Raum für Einen nur,
und findet ihn im Einssein.

Jami


Viele Menschen werden am Jüngsten Tage als Märtyrer auferstehen, weil sie um Deinetwillen getötet worden sind, und ich werde auch als solch ein Märtyrer auf- erstehen, denn ich bin von dem Schwerte der Sehnsucht nach Dir getötet worden.

Abu'l-Hasan Charaqani


Wenn man mir
die acht Paradiese
in meine Hütte brächte
und mir die Herrschaft
über beide Welten
in meine Hand gäbe,
so würde ich doch für sie
nicht jenen einen Seufzer
hingeben,
der morgens aus der Tiefe
meiner Seele aufsteigt,
wenn ich an meine
Sehnsucht nach Dir denke.

 

Ich rief meine
Seele zu ihm,
aber sie verweigerte
mir die Gefolgschaft
und machte
Schwierigkeiten.
Da ließ ich sie stehen
und ging weiter
zu ihm.

 

Anfangs bildete ich mir ein, ich gedächte seiner und kennte ihn und liebte ihn und suchte ihn. Am Ende aber sah ich, dass er meiner eher gedacht hatte als ich seiner, dass seine Kenntnis meiner Erkenntnis vorausging, dass seine Liebe früher war als meine, und dass er mich gesucht hatte, bevor ich ihn suchte.

 

Als ich den Zustand von Nähe zu Ihm erreichte, sagte Er: "Was begehrst du?" Ich erwiderte: "Ich begehre Dich!" Er antwortete: "Solange in dir auch nur das kleinste Stückchen Bayezid-Sein bestehen bleibt, kann dein Wunsch nicht erfüllt werden.

Bayezid Bistami


Wenn du lernst, dich zu verlieren,
wirst du den Geliebten erreichen.
Kein anderes Geheimnis gibt es zu erfahren,
und mehr als das ist mir nicht bekannt.

Ansari


Eines Tages saß Sultan Mahmud im Audienzsaal. Ein Mann kam und trat mit einer Schale Salz in der Hand mitten in den Kreis der zur Audienz Versammelten und rief: "Wer kauft Salz?" So etwas hatte Mahmud noch nie erlebt. Er ließ ihn festnehmen, und als er wieder allein war, ließ er ihn kommen und fragte ihn: "Was war denn das für eine Frechheit, die du dir da erlaubt hast, und war denn der Audienzsaal des Mahmud etwa der rechte Ort, Salzverkauf auszurufen?" Er erwiderte: "Edler Herr! Ich habe etwas mit Ayaz [höfischer Sklave und Liebling Sultan Mahmuds, Anm.], das Salz war nur ein Vorwand." Mahmud sagte: "Du Bettler! Wer bist denn du, dass du mit Mahmud die Hand in die gleiche Schüssel tauchst? Ich habe siebenhundert Elefanten, eine ganze Welt voll Güter und ein Reich, und du hast nicht einmal das Brot über Nacht!"

Er antwortete: "Erzähle keine lange Geschichte! Alles, was du besitzt und genannt hast, ist Ausstattung des Vereintseins, nicht Ausstattung der Liebe. Die Ausstattung der Liebe ist ein geschmortes Herz, und das habe ich in vollkommener Weise und so, wie die Sache es erfordert. Ja noch mehr, Mahmud! Mein Herz ist frei davon, dass es Raum für siebenhundert Elefanten böte. So viele Länder aufzuzählen und zu verwalten, nützt nichts. Ich habe ein leeres Herz, das nach Ayaz brennt, Mahmud. Kennst du das Geheimnis dieses Salzes? Im Topf deiner Liebe fehlt das Salz der Selbstentäußerung und Erniedrigung, denn du bist gar gewaltherrlich, und das ist keine Eigenschaft der Liebe. Mahmud, all das, was du aufgezählt hast, ist Ausstattung des Vereintseins, die Liebe aber hat überhaupt keine Eigenschaft vom Vereintsein. Wenn das Vereintsein an der Reihe ist, dann hat eben Ayaz die Ausstattung des Vereintseins in vollkommenem Maß.

Mahmud, diese siebenhundert Elefanten und dieses ganze Reich von Sind und Indien – sind sie denn ohne Ayaz etwas wert, oder können sie etwa Ersatz sein für ein einziges Haar seiner Locke?" Er antwortete: "Nein." Er fragte weiter: "Ist mit ihm in einem Badeheizraum oder in einem finsteren Zimmer der Garten Eden?" Er antwortete: "Ja." Er fragte: "Und ist das Vereintsein vollkommen?" Er antwortete: "Ja." Er sprach: "Dann ist also all das, was du aufgezählt hast, nicht einmal Ausstattung für das Vereintsein, weil der Liebende keine Ausstattung für das Vereintsein haben kann, sondern diese in den Wunderzeichen der Schönheit besteht.

Hieraus ersiehst du, dass die Liebe keinerlei Eigenschaft von Vereintsein und von Trennung hat und der Liebende nichts von der Ausrüstung des Vereintseins kennt, noch kennen kann. Die Ausrüstung des Vereintseins ist das Sein des Geliebten, die Ausrüstung für die Trennung das Sein des Liebenden, die Liebe aber braucht keines von beiden. Wenn die Gunst der Zeit dazu verhilft, wird dieses Sein zur Opfergabe für jenes Sein. Das ist vollkommenes Vereintsein."

Gazzali


Mein Leib
schmolz
von der Glut
des Herzens,
mein Herz
kann selbst
nicht mehr
besteh'n.
Löst oder bindet
meine Fesseln –
was ihr auch tut,
mir scheint
es schön.
Die Leute wissen,
dass ich liebe –
allein sie wissen
doch nicht, wen!

In den Anfängen pflegte Schebli dem, der den Namen seines Geliebten aussprach, ein Zuckerstück in den Mund zu tun. Als er die höchste Stufe erreicht hatte, nahm er einen Stein und warf nach dem, der den Namen des Geliebten aussprach. Man fragte ihn: "Schebli, was ist mir dir geschehen? Was bedeutete früher deine Huld und nun deine Härte?" Er antwortete: "Damals lebte ich in der Trennung, mein Ohr wurde vom Hören Seines Namens liebkost; nun bin ich ganz bei Ihm, und Sein Name ist jetzt Mühsal und Schrecken!

Schebli


Ihr Geist ist durch die höchsten Himmel gewandert, bis er zuletzt in den Gärten der Gesegneten ruht, und sie tauchen ein in den Fluss des Lebens. Sie haben die Schleusen des Kummers versiegelt und die Brücken der Begierde überschritten; sie sind da stehen geblieben, wo die irdische Kenntnis aufhört, und haben vom Wasser der wahren Weisheit getrunken, und sie betraten das Boot des göttlichen Überflusses und segeln im Wind der Seligkeit auf dem Meer des Friedens, bis sie erreichen die Gärten der Stille und den Ort der Glorie und der Gnade.

Dhu'n-Nun


Es war einmal ein König, der eines Tages,
als er seinen königlichen Hof betrat, unter
den Anwesenden eine Person bemerkte,
die sich vor ihm nicht verneigte. Verärgert
über die dreiste Tat des Fremden in der Halle
rief der König: "Wie nur wagst du es, dich
nicht vor mir zu verneigen! Nur Gott verneigt
sich nicht vor mir, und es gibt nichts, das
größer wäre als Gott. Wer also bist du?"
Mit einem Lächeln erwiderte der zerlumpte
Fremde: "Ich bin dieses Nichts.


Unbekannt


Liebe ist ein Feuer, das, wenn es ins Herz fällt, alles, was es im Herzen findet, verbrennt, so weit, dass es sogar die Gestalt des Geliebten aus dem Herzen auswischt.

Madschnun war wohl in diesem Feuer. Man sagte zu ihm: "Laila ist gekommen!" Er sagte: "Ich selbst bin Laila." Er steckte den Kopf in das Hemd der Losgelöstheit. Laila sagte: "Hebe den Kopf hoch, denn ich bin Deine Geliebte und das, was Du ersehnst! Blick endlich doch – warum bleibst Du zurück?" Madschnun sagte: "Hebe Dich fort von mir, denn die Liebe zu Dir hat mich von Dir abgelenkt. Einst war ich froh, wenn ich Dich nur erblickte – jetzt kann vor Liebe ich Dich nicht ertragen!

Erglänzen vom Wein die Pokale?
Sind's Wolken im Sonnenglanzstrahle?
So rein sind und zart Wein und Gläser,
dass eins scheinen Trank dir und Schale.
Ist alles denn Glas, ist der Wein nichts?
Ist's Wein, der das Glas überstrahle?
Wenn Sonne die Lüfte erfüllet,
verschmelzen der Glanz und das Fahle,
versöhnen der Tag und die Nacht sich,
dass Ordnung der Welt nun erstrahle.
Kannst Nacht nicht und Tag unterscheiden,
noch Wein oder Becher beim Mahle!
Begreife durch Wein und durch Becher
das Wasser des Lebens im Tale!
Enthüllung der Schleier des Wissens
wie Nacht sich und Taglicht dir male!
Wird dies aus dem Wort dir nicht deutlich
von Anfang zum anderen Male,
so suche das Welt-Glas, dann klärt sich
dem Geist dieses Rätsel im Strahle:
Dass Er alles ist, was besteht –
Freund, Herz, Seele, Glaube, Gebet!


Fachruddin Iraqi


Auf dem Markt, im Kloster – überall sah ich nichts als ihn allein!
Im Tal und auf den Bergen – überall sah ich nichts als ihn allein!
In Drangsalen sah ich ihn oft an meiner Seite,
auch im Wohlsein und im Glück – ich sah nichts als ihn allein!
Im Gebet und beim Fasten, beim Lobpreisen und in der Kontemplation,
in der Religion des Propheten – ich sah nichts als ihn allein!
Ich sah weder Seele noch Körper, noch Zufall, noch Wesen,
weder Eigenschaften noch Ursachen – ich sah nichts als ihn allein!
Ich bin in seinem Feuer geschmolzen gleich einer Kerze –
mitten in den ausbrechenden Flammen sah ich nichts als ihn allein!
Ich sah mich selbst deutlich mit meinen eigenen Augen,
aber wenn ich mit seinen Augen schaute –
sah ich nichts als ihn allein!
Ich verging zu Nichts, ich schwand dahin, und siehe:
Ich war das All-Lebende – und ich sah nichts als ihn allein

Baba Kuhi


Wenn uns die Menschen mit gewohnter Sprache fragen,
antworten wir mit Zeichen voll Geheimnis
und dunklen Rätseln, denn des Menschen Zunge
kann solche hohe Wahrheit ja nicht sprechen,
die Menschenmaß weit übersteigt.
Mein Herz jedoch hat sie erkannt, und kannte die Entrückung,
die alle Teile meines Körpers füllte.
Siehst du nicht: Dieses Fühlen hält
des Redens Kunst gefangen, wie die Wissenden
den Ungebildeten zum Schweigen bringen.

Ibn 'Ata Allah


Wenn Du den Baum meines Daseins grünen und Frucht bringen lässt, so stehe ich grünend vor Dir. Doch wenn Du ihn hast ausdörren lassen, so stehe ich in Nachlässigkeit vor Dir, dürr, und ohne Anteil am Licht. Besitze ich denn irgend etwas, was nicht Du mir gegeben hättest?
Baha 'uddin Walad


Viel köstlicher als aller Ruhm der Erde
ist's, einen Trunk aus vollem Glas zu tun;
viel köstlicher und Gott gefälliger
als frommes Plappern ist der Hauch des Glücks,
der leis vom Munde der Verliebten weht.

Omar Khajjam



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