Abu-Hamid Mohammed  

    AL GHASALI (al-Gazzali), der Perser

(gest. 505 / 1111)

 

Gott allein ist der Liebe würdig,

und wer anderes als Gott

aus anderen Gründen

als wegen seiner Beziehung zu Gott liebt,

tut dies,

weil er unwissend ist

und Gott nicht genügend kennt.

 

Al Gashali (der Spinner) aus Meschhed war in frühen Jahren verwaist und wurde von Sufis aufgezogen. Al Gasali wurde ein geschulter Theologe und Pädagoge, war eine hervorragende intellektuelle Gestalt des Islam, hatte umfassende Kenntnis über alle herrschenden Lehrmeinungen, Schulen und Sekten und war Professor in Bagdad. Der orthodoxe Islam bekämpfte den Sufismus als ketzerisches Gedankengut, da man annahm, dass Sufismus die Gesetze missachte und die persönliche Erfahrung überbewerte.

 

Aber Muhammed Al Ghasali konnte Islam und Intellektualismus in einer Weise verbinden, sodass er einerseits die endgültige Form der Scharia festlegte und der Erkenntnis Ausdruck verlieh, dass jeder Mensch in sich ein aus dem Jenseits stammendes Organ besitzt, dass ihn mit der Welt, aus der er stammt verbindet und ihm die Erkenntnis Gottes und der Liebe ermöglicht. Diese verborgene göttliche Substanz nennt er Herz. Ihre Bestimmung ist es, von Sehnsucht getragen in die Heimat zurückzukehren. Durch heilige Zucht und alchimistische Läuterung kann das Gold jener Herzsubstanz auf dem mystischen Pfad in einzelnen Stufen und Stationen ans Licht gebracht werden.

 

Al Ghasali schrieb sein in vierzig Kapitel unterteiltes Hauptwerk „Die Wiederbelebung der Wissenschaft von der Religion“ (persische Kurzfassung :„ Das Elexier der Glückseligkeit“) nach zehnjähriger Wanderschaft als Derwisch durch Damaskus, Jerusalem, Mekka und Alexandrien. Ihm gelang es, den Sufismus in den Augen der Persischen Orthodoxie respektabel zu machen, da er Vernunft und Glauben, scholastische Lehre und erfahrene Religion miteinander verschmolz.

 

Seine Bücher übten beträchtlichen Einfluss auf die jüdische und christliche Scholastik aus. Mit seinen Lehren haben sich auch THOMAS VON AQUIN, FRANZ VON ASSISI, ROGER BACON und PASCAL auseinandergesetzt. Doch wenn auch sein Werk von den Anhängern verschiedener Traditionen hoch geachtet war, war es nicht sein Bestreben, eine Synthese der Religionen herbeizuführen.

 

Nach Al Ghasali sind die Sufis nicht Menschen der Rede sondern der inneren Wahrnehmung. Der Rest ist nicht durch Studien oder durch Worte zu erlangen. Es geht darum, sich nicht von ekstatischen Erfahrungen blenden zu lassen und sie für das ein und alles der mystischen Suche zu halten. Al Ghasali sah das sogenannte Aufgehen in Gott, das als das Ziel des mystischen Pfades gehalten wird in Wirklichkeit erst als den Anfang.

 

 

 

(aus: Idries Shah „DIE SUFIS“) Der vollendete Mensch (insani kamil) scheint mehr als einem System von Regeln zu folgen, da er in verschiedenen Dimensionen gleichzeitig lebt. Ein Mensch zum Beispiel, der einen See durchschwimmt, führt andere Bewegungen aus und reagiert auf eine andere Wahrnehmung als derselbe Mensch, wenn er einen Hügel hinab läuft. Aber wenn er läuft, trägt er doch die Fähigkeit zu schwimmen in sich.

Mit außerordentlichem Mut spricht Ghasali dies im „Mizan el Amal“ aus:

Der vollendete Mensch bewegt sich in drei Glaubenssystemen:

1.  dem seiner Umgebung.

2.      dem, welches er seinen Schülern unter Berücksichtigung ihrer Erkenntnisfähigkeit weitergibt.

3.      dem, welches er aus innerer Erfahrung kennt und von dem nur ein kleiner Kreis von Menschen weiß.

 

Sein Werk „Mischkat el Anwar“ (Nische des Lichts) ist sowohl ein Kommentar zu dem berühmten Licht-Vers des Koran als auch eine Ausformulierung seiner esoterischen Bedeutung.

Er führt aus, dass alles eine äußere und eine innere Bedeutung habe. Beide wirken nicht gemeinsam, obwohl sie innerhalb ihrer eigenen Dimensionen durchgängig gültig sind. ......

Al Ghasali bezieht sich auf Geheimnisse, die man nur erfahren, nicht aber niederschreiben kann. ....

 

Der einzelne, so sagt Ghasali in der „Neubelebung“, mag durch verschiedene  Stadien einer inneren Entwicklung gehen, die man als der Entwicklung des menschlichen Lebens analog betrachten kann. ...

 

 

 

(ISLAMISCHE MYSTIK © Richard Gramlich / aus “Der Retter aus der Irrung“ von Al Ghasali:

Als ich mit (dem Studium) dieser Wissenschaften fertig war, verlegte ich meinen Eifer auf den Weg der Sufis. Ich wusste, dass ihr Weg nur mit wissen und Handeln zurückzulegen ist. Hauptinhalt ihres Handelns ist die Überwindung der Hindernisse ( die von) der Seele (in den Weg gelegt werden) und die Befreiung von deren verwerflichen Eigenarten und schlechten Eigenschaften. Dadurch sollte man erreichen, dass das Herz von allem, was nicht Gott ist, leer und mit dem Gottgedanken geschmückt wird.

Das wissen war für mich leichter erreichbar als das Handeln. ...

Nun war ich mir dessen gewiss, dass die Sufis Besitzer von Zuständen sind, nicht Leute von (bloßen) Worten, und dass ich das, was man mittels des Wissens erwerben kann, bereits erworben hatte und nur noch das fehlte, was nicht durch Hören und erleben, sondern nur durch Erfahrung und Beschreiten des mystischen Weges erreichbar ist....

 

Aus „Die Belebung der religiösen Wissenschaften“:

Gott allein ist der Liebe würdig, und wer anderes als Gott aus anderen Gründen als wegen seiner Beziehung zu Gott liebt, tut dies, weil er unwissend ist und Gott nicht genügend kennt. ....

Die Liebe ist die Frucht der Erkenntnis. Sie schwindet, wenn diese schwindet, sie ist schwach, wenn diese schwach ist, sie ist stark, wenn diese stark ist. Darum sagte Hasan al-Bari: „Wer seinen Herrn kennt, liebt ihn, und wer das diesseits kennt, verzichtet auf es.“ Wie sollte es denn möglich sein, dass der Mensch sich selbst liebt, ohne seinen Herrn zu lieben, durch den sein Selbst Bestand hat? Wenn einer, den die Sonnenhitze plagt, den Schatten liebt, muss er doch notwendig auch die Bäume lieben, durch die der Schatten bestand hat. Alles Seiende aber verhält sich zu Gottes Allmacht wie der Schatten zu den Bäumen und das Licht zur Sonne. Denn alles ist Wirkung seiner Allmacht, und das Sein des Alls ist von seinem Sein abhängig wie das sein des Lichts von der Sonne und das Sein des Schattens von den Bäumen. Dieser Vergleich ist jedoch nur für die Denkweise der gewöhnlichen Gläubigen angebracht, da sie die Vorstellung hegen, das Licht werde von der Sonne hervorgebracht und gehe von ihr aus und sei durch sie. Das aber ist ganz und gar irrig. Denn für die Herzbesitzer tritt klarer zutage, als wenn sie es mit eigenen Augen sähen, dass das Licht aus Gottes Allmacht hervorgeht, ...

 

Alle Schönheit wird von dem,

der wahrnimmt, geliebt.

Wenn sie daher vom Herzen wahrgenommen wird,

wird sie vom Herzen geliebt.

 

SUFI PROSA UND POESIE

Khaniqahi Nimatullahi - Khaniqahi Nimatullahi Publication - Sufi Journal - Centers

EMail: sufi@sufi.at
Khaniqahi Nimatullahi